CHRISTIAN HEUCHEL
ARCHITEKT UND KÜNSTLER
HAUSLUST TEIL 3:
DIE SCHLAFKAMMER

Christian Heuchel, Künstler und Geschäftsführer von O&O Baukunst, und sein Alter Ego fordern in einer vierteiligen Kolumne die Freude am richtigen Wohnen ein.

Was brauchen Sie zum Schlafen? Nach Haustür und Hausbar folgt hier der Tipp des Architekten mit der Puppe zur perfekten Schlafkammer. 

Mit dem Lied Lalelu im Ohr hat man sich endlich verabschiedet vom Wachzustand. In der Hoffnung, dem Mann im Mond zu begegnen, sind die Hürden des Sich-Bettens genommen. Das Zimmer wurde verdunkelt. Licht an? Licht aus? Hypnotische Radiogeräusche im Hintergrund oder totale Stille? Eine höchst individuelle Zeremonie bringt uns zur Ruhe. Es ist heute bekannt, dass wir während des Einschlafens lebhafte Träume haben, die sich von der Realität kaum unterscheiden lassen. Was begleitet uns im Dämmerzustand? Das Schnarchen eines geliebten Menschen? Der Körper wird schwerelos, wächst über sich hinaus oder fällt in dunkle Löcher. Dann tauchen sie auf die unbewältigten Alltagsbilder. Eingefärbt in Rosa, groß und mächtig, verschwommen oder klar. Architekten träumen ihre Fassaden. Herrscher träumen von großen Heeren und Schlachten in Unterwäsche.

Wir haben uns jahrtausendalte Rituale angeeignet, um diesen Übergang in die andere Welt so perfekt wie möglich zu gestalten. Wir basteln uns „Raumschlafkapseln“ nebst persönlicher Ausstattung in der Hoffnung, nicht im Jenseits aufzuwachen. Was sich da als Schlafzimmer zeigt, ist wie der Palast des Sonnengottes Re bestückt mit unzähligen Reisebegleitern. Die Schlafkammer mutet dabei wie eine Grabkammer an, ausgestattet mit Mitbringseln zur Besänftigung des Fährmannes. Sie erinnert an die Auskleidung der historischen Kammern im Palazzo Ducale auf Schloss Ambras und der Grotta der Isabella d`Este, die auch Beispiele für die Überhöhung eines profanen Raumes sind. Hier türmen sich im Innern feinste Handwerkskunst, kunstvolle Schnitzereien, bemalte Holzpaneele und aufwändige Intarsien. Merkwürdiges, Kunstwürdiges und Kitschiges findet Einzug. Reliquien wie die Tafelkredenz mit Natternzungen, der Grottenautomat und nicht zuletzt der Tödlein-Schrein. Damals wie heute ist anscheinend nur das Scheußlichste großartig genug, um sich mit ihm zu umgeben. Die so um die Schlaf­stätte herum und vor allem auf Nacht­tischen gescharte Ansammlung von Skurrilitäten zeugt von dem Wunsch, die unheimlichen Traumbilder zu bewältigen.

Dann das Aufwachen, „so Gott will“. Selten kann man sich bewusst an den Traum erinnern. „Ich habe mich nicht bewegt!“ ist die häufigste Aussage des Schlafwandlers. In Wirklichkeit haben die Probanden im Schlaflabor im Kampf gegen das Unbekannte die Nacht über ihr Bett zerlegt. Da wir Ahnungslosen uns jede Nacht in dieses Abenteuer stürzen würde ich empfehlen, immer ein Kuscheltier oder die Lieblingspuppe zum Schlafen mitzunehmen. Man weiß nie, was uns an der Schwelle zum Traum erwartet.

Christian Heuchel und Van Heuchel

www.ortner-ortner.com


FOTOS
Tim Löbert