CHRISTIAN HEUCHEL
ARCHITEKT UND KÜNSTLER
HAUSLUST TEIL 6:
DIEKÜCHE DES MINIMALS

Vielschichtig, unkorrekt, mal lakonisch, mal heiter, stets originell, oft fundamental – so oder so ähnlich bringt sich derarchitektmitderpuppe als zeitgenössischer Beobachter in die Kulturszene mit ein, um über Architektur zu kommunizieren. Professor Christian Heuchel, Architekt, Künstler, Geschäftsführer O&O Baukunst, Kolumnist, die Puppe Van Heuchel als sein Doppelgänger sowie das gesamte Redaktionsteam – sie alle sind derarchitektmitderpuppe.

Seit Jahren bestimmen Kochshows unseren Fernsehalltag. Sie sind Zeichen eines neuen Lustgewinns durch das Kochen. Hier wird verhandelt, was die primären Ziele unsere Gesellschaft sind: Durch das Kochen ausgelöste Diäten, der Streit über das gesunde Essen, Naturbelassenheit, das Rohe oder die Hochzeitstorte, fünfstöckig natürlich, Rezeptetausch, molekulare Küche, Minimalismus, Otto Lenghi prägen Generationen, die meine Großmutter nur staunen lässt.

Dabei ist der Küchenraum in der Architektur auf der einen Seite im Rückzug, auf der anderen der Mittelpunkt des Hauses. Die Bratpfanne, die nur brät, wenn sie nie gewaschen wird. Die eigene Herstellung einer Dampfnudel ist schon eine Wissenschaft für sich. Bereits der Architekt Frank Lloyd Wright erkannte die Stärke des Kaminfeuers. Er machte es zum Zentrum seiner Landhäuser. Sie sind aus den ersten Feuerstellen, im Innern des Zeltes gedacht. Man brauchte Feuer und Werkzeuge, um den Mammut zu zerlegen und schmackhaft zuzubereiten. Dass hier erste Gespräche entstanden – zunächst über die Bewegung der Augenbrauen, über rudimentäre Laute oder am Ende am geordneten bürgerlichen Mittagstisch – ist naheliegend. Politisch wurde es durch die Volksküchen, die Armenküchen, die Großküchen. Räume unter Hitze, Feuer und Lärm. Vorbild die Küchen im Keller, der Burgen und Schlösser des Mittealters. Ganze Tiere, Äcker und 1.000 Liter Wein mussten verarbeitet werden. Heute ist die Küche noch der Ort schlechthin: Ob als gigantischer Kochblock oder die viel zu enge ­Frankfurter Küche – hier trifft man sich.

Küchen sind minimale Wesen geworden. Designskulpturen mit einem Hauch moderner Kunst. Edelste Materialien, die man aus der Welt der Haute Couture kennt. Für meine Art der Zubereitung eher ungeeignet. Kochfelder mit Touchscreen. Roboter, die unser Lieblingsessen nachkochen, digital unterstützt. Eine gewisse luxuriöse Hektik hat uns ergriffen, als wollte die Küche sagen: „Bitte nicht berühren“. Ich vermute, dass die in Sterilität gekochten Designstücke eh nicht munden.

Eigentlich lieben wir die gemütliche Eckbank in der Küche, wo man sitzt und sitzt und sitzt. Das Klappern des Geschirrs, das Zischen und Brodeln als gewohnter Sound im Hintergrund. Kein Wunder, dass hier die großen komplexen Gerichte entstanden sind. Denn die Melange braucht den Zufall, das Umgestoßene und das Angebrannte.“

derarchitektmitderpuppe – Professor Christian Heuchel und Van Heuchel: Ab sofort mehr Beiträge und klare Ansprachen zur Architektur unter

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FOTOS Tim Löbert