Zurück in die Zukunft mit Lehm
Diese Doppelhaushälfte aus den 1930er-Jahren zeigt, wie sich Bestand und ökologische Baukultur verbinden lassen. catalanoquiel Architekten aus Köln setzten auf möglichst natürliche Materialien – vor allem auf Lehm.
Das Viertel erzählt vom Übergang: In direkter Nachbarschaft reihen sich Ein- und Zweifamilienhäuser aneinander – vertraut, fast dörflich. Nur wenige Straßen weiter erhebt sich das Städtische, geprägt von Mehrfamilienhäusern. Genau in diesem Spannungsfeld behauptet sich das Gebäude, vermittelt zwischen den Maßstäben und erzählt vom Wohnen in Schichten. Vor ein paar Jahren trafen sich die Architekten Eugenio Catalano und Sebastian Quiel mit ihren Bauherren vor Ort. „Schon beim ersten Kennenlernen war spürbar: Hier stimmt die Chemie. Es war der Beginn einer gemeinsamen Reise, getragen von Vertrauen und gegenseitiger Neugier“, erzählt Eugenio Catalano. Der Auftrag: catalanoquiel Architekten sollten für die sechsköpfige Familie eine unscheinbare Doppelhaushälfte aus den 30ern nachhaltig transformieren. Im Zentrum stand das Spannungsfeld zwischen Bestand und Zukunft. Die Familie wollte kein Haus von der Stange, sondern ein Zuhause, das Freude bereitet und Kommunikation über sämtliche Ebenen hinweg ermöglicht. Großzügige Lufträume sollten bewusst als gestalterisches Element genutzt werden. „Ihr Wunsch war auch ein respektvoller Umgang mit dem Bestand. Die Spuren der Transformation sollten sichtbar bleiben und die Geschichte des Hauses erzählen. Das Ganze in Verbindung mit gesunden, nachhaltigen Materialien.“
Wir treten durch die verglaste Eingangstür, die schon im Außenraum eine einladende Geste darstellt. Ein großes Schwing-Fenster öffnet den Blick, er fällt direkt auf die Feuerstelle – das Herz des Hauses. Barfuß betreten wir den wohltemperierten Stampflehmboden. Die in Lehm gebettete Deckenheizung sorgt für die spürbare Behaglichkeit. Über das Wohnzimmer gelangen wir in den offenen Ess- und Kochbereich – er öffnet sich zum Garten hin. Hier wird die Raumhöhe zum Erlebnis: Von der Küche aus schweift der Blick bis in die oberen Geschosse und hinunter zum Lichthof der unterirdischen Erweiterung. Kommunikation findet auf allen Ebenen statt.
Der Umbau der Doppelhaushälfte brachte, die überformte Kubatur aus den 70ern in eine klare Form. Ein neues Volumen ordnet die nördliche Fassade und stärkt die Einbindung in die Umgebung. Verschiedene Putzstrukturen machen die baulichen Veränderungen jeder Epoche sichtbar und erzählen die Geschichte des Hauses. Nachhaltige, gesunde Materialien, insbesondere Lehm, hatten höchste Priorität. „Wir sehen Bestandsarchitektur als Speicher bereits geflossener kreativer Energien. Auch wenn kein denkmalpflegerischer Wert vorlag, uns war der Bauerhalt wichtig – als Grundlage für neue Schichten des Lebens.“ Wichtige Voraussetzung für den Umbau war konsequent nachhaltiges und gesundes Bauen. Lehm spielte dabei die Schlüsselrolle: als Stampflehmboden im Erdgeschoss, als Putz an Decken und Wänden, als Lehmbauplatte im Ausbau. Beton wurde, wo unvermeidbar, durch Öko-Beton ersetzt. „Die größte Herausforderung war der acht cm starke Stampflehmboden, ein in dieser Form einzigartiges Experiment. Ebenso herausfordernd: Die verschachtelte Bestandstruktur, die wir so weit wie möglich erhalten und gleichzeitig öffnen wollten. Mit Zeit, Geduld und der Freude am Experiment, die die Bauherren und uns als Planungsteam gleichermaßen verband, haben wir die Herausforderung gemeistert.“
Das Gebäude sollte so geplant werden, dass es in Zukunft keinen Müll erzeugt, sondern durch langlebige, rückbaubare Materialien auch künftigen Veränderungen standhält. Diese Bauaufgabe verlangte eine gewisse Experimentierfreude und ein Umdenken in Materialwahl und Bauweise – ein Ansatz, den die Bauherren mit Überzeugung mittrugen und der nachhaltiges Bauen im Bestand neu denkt. Das energetische Konzept maximiert die Unabhängigkeit von fossilen Energien: Zwei Wärmepumpen beheizen das Haus – eine PV-Anlage mit über 30 Modulen liefert Strom und eine Solarthermie-Anlage versorgt das reaktivierte Schwimmbad mit Warmwasser. Die in Lehm gebettete Deckenheizung kühlt zusätzlich in den immer heißer werdenden Sommern, der Kamin ist in aktivierte Flächen integriert. Das Erdgeschoss erhielt den acht cm starken Stampflehmboden. „In dieser Größe einzigartig in NRW und Umgebung“, so Eugenio Catalano.
Nachhaltige Materialien hatten höchste Priorität
Die mit Lehm verputzten Wände und Decken regulieren zusätzlich das Raumklima. In den oberen Geschossen wurden raumlange Holzdielen verlegt, in den Nebenräumen natürliches Linoleum. Neue Holzfenster, die optimierte Dachkonstruktion und eine hochgedämmte Außenhülle ermöglichen den KfW-85-Standard. Trockenbau aus Gipskarton wich Lehmbauplatten, notwendiger Beton wurde durch umweltfreundlichen Öko-Beton ersetzt. „Das Materialkonzept ist kein Add-on, es ist Teil der Architektur.“ Das gesamte Objekt ist smart gesteuert: Beleuchtung, Bewässerung, Klingel, Klima – doch die Technik tritt in den Hintergrund. Sie dient dem Komfort, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Das Interiordesign hat calataloquiel nicht als fertiges Bild verstanden, sondern als offenes Feld. „Wir haben Vorschläge gemacht, setzen räumliche Rahmenbedingungen und Materialstimmungen. Doch das Haus gehört der Familie – sie füllt es, richtet es ein, verleiht den letzten Ton.“ So trägt das Bauwerk nun – dank catalaonoquiel – die Handschrift seiner Bewohner.
Architektur/Innenarchitektur CATALA NOQUIEL, Köln
Lage Köln, Lindenthal
Fertigstellung 2024
Wohn-/Nutzfläche ca. 600 qm
Kamin 260° Kaminwerk, Leverkusen
Fenster/Türen Tischlerei Berg, Overath
FensterAlu Gebrüder Zwinge Metallbau, Bergneustadt
Lehmboden STÖCKER NaturBauKonzepte, Burscheid
Zementspachtel freinhardt.de
Marken VOLA Armaturen | claytec und conluto Lehm |
purnatur Holzdielen | FSB Fenster u. Türgriffe
Fotos: Stefan Schilling