indian summer feeling
Wer glaubt, ein Reihenhausgarten könne nur aus Rasen und Gartenschuppen bestehen, wird in Krefeld eines Besseren belehrt. Auf gerade einmal 84 Quadratmetern hat Landschaftsarchitektin Brigitte Röde gezeigt, wie sich ein schmales Grundstück in ein atmosphärisches Refugium verwandeln lässt.
Wenn man das schmale Gartentor öffnet, könnte man meinen, gleich in einem gewöhnlichen Reihenhausgarten zu stehen. Doch schon nach wenigen Schritten verändert sich der Gedanke: Statt des erwarteten rechteckigen Rasens öffnet sich eine Bühne voller Farben, Formen und kleiner Überraschungen. Der Lärm der Umgebung scheint abzufallen, man hört das Rascheln der Gräser, das Summen der Bienen – und überall leuchtet es in warmen Tönen. Auf gerade einmal 84 Quadratmetern ist hier durch die Landschaftsarchitektin Brigitte Röde ein Refugium entstanden, das Natur und Design auf ganz besondere Weise verbindet.
Noch vor wenigen Jahren war hier ein typischer Handtuchgarten – sieben Meter breit, 12 Meter lang, in der Mitte eine Rasenfläche, ein paar Sträucher am Rand, hinten ein dunkles Gartenhäuschen. Mehr Zweck als Atmosphäre. Für Brigitte Röde jedoch die perfekte Ausgangslage: „Je begrenzter der Raum, desto spannender die Herausforderung“, sagt sie. Ihre Antwort auf die Enge war nicht das Übliche – sondern ein radikaler Perspektivwechsel. Heute wird der Blick durch geschwungene Wege gelenkt, die durch die Bepflanzung führen. Statt den Raum zu unterteilen, öffnen sie ihn zu einer hellen Kiesfläche, die dynamische Pflanzenentwicklung zu lässt. Stauden und Gehölze rahmen die Szenerie, schaffen Intimität und zugleich optische Weite. „Entscheidend war, dem Auge immer wieder Anker zu geben – Pflanzen, Objekte, kleine Blickfänge. So vergisst man, dass man eigentlich in einem Reihenhausgarten steht“, erklärt die Landschaftsarchitektin.
Das Herzstück des Gartens ist seine Farbdramaturgie. Statt Beliebigkeit regieren hier kräftige, warme Töne: Orange, Gelb, Kupfer und Rot bestimmen das Bild und erinnern an nordamerikanische Landschaften im Herbst. Besonders der Feuerahorn (Acer ginnala) zieht die Blicke auf sich – im Frühjahr noch zart, im Sommer sattgrün, im Herbst dann eine flammende Erscheinung. Die Auftraggeber wünschten sich Pflanzen, die robust und langlebig sind, aber auch im Wechsel der Jahreszeiten faszinieren. Brigitte Röde wählte Arten, die nicht nur gesund und trockenheitsverträglich sind, sondern auch Geschichten erzählen: Von weiten Prärien, vom Indian Summer, vom Spiel der Jahreszeiten. „Mir geht es darum, dass ein Garten Emotionen auslöst“, erklärt sie. „Die Farben sollen wärmen, die Strukturen neugierig machen, und es soll Ecken geben, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen.“
HISTORIE UND MODERNE IN FEINER GESELLSCHAFT
Neben Pflanzen spielt auch das Handwerk eine wichtige Rolle. Die Außentreppe zum Keller, früher ein Fremdkörper im Garten, wurde unter einem erhöhten Holzdeck elegant verborgen. Es schwebt auf Cortenstahl und lässt sich bei Bedarf mit einer Klappe öffnen. Oberhalb ist nun ein Sitzplatz entstanden, eingerahmt von einer Felsenbirne im Trog – funktional und zugleich poetisch. Besonders schön ist das Gartenhaus. Einst dunkel und massiv, wurde es von einem Schreiner zu einem Schmuckstück umgestaltet. Statt rechteckiger Schwere prägen heute weiche Rundungen das Bild. Abends verwandelt sich das Häuschen, wenn Licht durch feine Fugen nach außen dringt, in ein strahlendes Objekt, das den ganzen Garten in Szene setzt. Das Garten-Projekt vereint vieles, was heutige Gartenkunst ausmacht: Versickerungsfähige Kiesflächen statt versiegelter Böden, Pflanzen, die mit Hitze und Trockenheit zurechtkommen, sowie eine Gestaltung, die Menschen wie Tieren gleichermaßen zugutekommt. Für Vögel, Insekten und Schmetterlinge ist hier ein wertvoller Lebensraum entstanden. Und für die Bewohner ein Garten, der nicht nur genutzt, sondern erlebt werden kann: Als Rückzugsort, als Bühne für die Natur, als farbintensiver Begleiter durch das Jahr.
Besonders reizvoll ist die Wandelbarkeit. Im Frühling locken erste Zwiebelblumen und zarte Stauden, im Sommer dominiert eine üppige Blütenfülle. Der Herbst verwandelt den Garten in ein Flammenmeer, und im Winter übernehmen Gräser die Hauptrolle, die mit Raureif oder Schnee eine stille Schönheit zeigen. Wer den Garten regelmäßig betritt, entdeckt immer wieder neue Facetten – mal kraftvoll, mal leise, mal überraschend.
Die Landschaftsarchitektin verwandelte einen unscheinbaren Reihenhausgarten in eine grüne Bühne, die zeigt, wie viel Kreativität auf kleinstem Raum Platz findet. Brigitte Röde hat es verstanden, Funktion und Poesie miteinander zu verbinden. Das Ergebnis ist mehr als eine gelungene Gestaltung: Es ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass Gärten – egal wie klein – zu Orten der Freiheit und der Weite werden können.
Umsetzung Fa. Jansen und Arens, Köln und
Mavropa Holzmanufaktur, Neuss
Fotos Sibylle Pietreck