HAUSLUST TEIL 13:
YPS
Der Alte Ego von Professor Christian Heuchel, Van Heuchel, erinnert sich an gute alte Zeiten und philosophiert darüber, was das Magazin Yps mit Baumeistern von heute zu tun haben könnte. Viel Spaß.
Das Magazin Yps entstammt meiner Zeit. Der Glaube an die Technik und die Innovation, das war Yps. In den 1970er-Jahren, meiner Kindheit, kam es endlich auf den Markt. Ein Heft für junge Wissenschaftler und Erfinder, die unser Land so dringend braucht(e). Das Y ist bekanntermaßen einer der letzten Buchstaben im Alphabet und das war, so mein Glaube, der einzige Grund der Herausgeber, dieses Magazin so zu nennen.
Legendär die ersten Ausgaben: der Roboterarm zur Selbstmontage. Billigster Kunststoff, ein paar Drähte; so konnte ich Kaugummipapier, Laub oder Geldstücke vom Boden klauben, ohne mich zu bücken. Eine Erfindung, wie sie später bei der Straßenreinigung in New York zum Einsatz kam. Darauf folgte das Fernrohr, das man für Spionagezwecke, zum Um-die-Ecke-Schauen einsetzen konnte. Über den spitzen Winkel konnte ich ganze Straßenzüge beobachten. Die Welt war für mich verschworen und gefährlich.
Dann kamen endlich die geheimnisvollen Meerjungfrauen. Auf das Cover waren kleine weiße Päckchen geklebt. Ein Pulver, so die Anleitung auf Deutsch, Englisch und Chinesisch, das sich bei genügend Feuchtigkeit über Nacht in Meerjungfrauen verwandelt. Sie kamen und verschwanden auf geheimnisvolle Weise. Die Meerjungfrauen entpuppten sich als mexikanische Springbohnen oder als gemeine pfälzische Rheinschnake. Höhepunkt und leider auch der Endpunkt des verlegerischen Erfolgs war die dunkle
Brille. In limitierter Auflage angeboten, konnte man die Leute nackt sehen. Wieder eine enorme technische Leistung der Herausgeber.
In bastelnden Kinderhänden scheiterte die Technologie der Yps Beigaben. Der mit Klebstoff verschmierte Fernrohr-Spiegel machte die Arbeit meiner »Spionageabteilung« schwierig. Roboterarme als
Helferlein wurden zerrissen und lagen als Weltallschrott in meinem Zimmer. Der Wassereimer als Habitat der Jungfrauen fing an zu gammeln. So kann
technische Evolution nicht gelingen.
Die Dinge im Alltag sind Helferlein. Kleine Rädchen, die die Welt zusammenhalten. Und wehe, es fällt etwas aus! Was, wenn die Schraube locker oder zu viel Salz in der Suppe ist? Wenn das Auto nicht fertig gestellt werden kann, weil ein kleines Ding erst noch geliefert werden muss? Oder dem Parfum noch die minimale Note, dem Haarschnitt der letzte Pfiff oder dem Lied die letzte Strophe fehlt? In den Dingen schlummert das Wissen. Unsere Kultur. Um dieses Fundament zu legen, dauerte es Generationen. Es sind berührbare Formen, die als geistige Gussformen entstanden sind, immer wieder ausgegossen werden, sich über Jahrzehnte abschleifen … und dadurch immer einfacher werden. Der Baumeister bedient sich dieser Tradition. Er sollte die kleinen Dinge kennen und verstehen. Er benutzt sie, nimmt sie zur Hand, fügt sie wie ein Puzzle zusammen.
In der Architektur wird es deutlich: Hier werden seit Jahrhunderten Formteile wie Balkone, Gitter und Bauschmuck erfunden und katalogisiert. Ein Vokabular, das sich, wie kein anderes, auf die Hand verlassen muss. Auf die des Tischlers und des Steinmetzes beispielsweise, die stets das Gleiche machen, in unendlichen Variationen. Ihre Hände beschränken ihr Formenrepertoire.
Indes – ganz so wie im Leben selbst – geht‘s bei den Dingen um das Echte, das Wahre. Um Authentizität! Es geht um die Tradition und Qualität des Ursprungs. Dessen sollten wir uns besinnen. Wir müssen die Hindernisse und Möglichkeiten des Materials sehen, begreifen und daraus unsere Dinge bauen. Und man erkennt sie, weil die Dinge einfach sind, selbsterklärend. Weil sie ihre Komplexität und Schönheit im Zusammenspiel mit den anderen Dingen entwickeln. Der Computer nimmt das Zusammenführen vor. Er ist nicht der Baumeister selbst. Manchmal ist es besser, wenn Teile nicht so perfekt passen. Die Perfektion der Maschine ist uninteressant.
www.derarchitektmitderpuppe.de
Fotos: Veit Landwehr und Tim Löbbert